Raserei - ein Kavaliersdelikt?
Reportage ·
Hintergrund
· Standpunkte ·
1. Der schnelle Tod
Mutter
(Off-Ton)
"Heut ist es genau ein halbes Jahr auf den Tag. Der Sascha,
der war damals 16 Jahre und er hatte dann am 18. Geburtstag und
da haben wir als Geburtstagsgeschenk einen Grabstein müssen
kaufen. Iss schlimm, iss schlimm."
Sascha Morgenstern starb im Oktober 1997. Als er eine Straße
in Dresden überqueren wollte, erfaßte ihn ein heranrasender
PKW, schleuderte ihn durch die Luft.
Die Beifahrerin des Unfallverursachers gab zu Protokoll:
Schrift:
" Ich erkannte , daß Herr F.... bereits eine
Geschwindigkeit von etwa 80 km/h fuhr. Ich sagte, fahr langsamer.
Er reagierte... nicht, ich hatte eher den Eindruck, als ob er
noch mehr Gas gibt."
Als der Wagen Sascha erfaßte, hatte er laut Gutachten
eine Geschwindigkeit von mindestens 103 km/h. Sascha hatte keine
Chance, er starb noch an Unfallort.
Sascha war das einzige Kind der Morgensterns.
Mutter
"Manchmal denke ich , es ist ein Alptraum, es darf gar
nicht wahr sein. Er fehlt hinten und vorne. Das ganze Familienleben
hat sich geändert, ich komm jeden Tag nach Hause, keiner
da."
1997 starben auf Deutschlands Straßen über 8000
Menschen.
Hauptursache : überhöhte Geschwindigkeit
Die B 216 von Lüneburg nach Dannenberg ist eine der gefährlichsten
Straßen Deutschlands , Fazit der letzten 5 Jahre 580 Verletzte.,
24 Tote.
Bilder aus der Polizeichronik:
- 07. Mai 94: eine junge Frau prallt mit ihrem Wagen auf ein
entgegenkommendes Auto , sie stirbt, der andere Fahrer wird schwer
verletzt.
- 01.Juli 95: Bei einem riskanten Überholmanöver
kommt ein 29jähriger von der Fahrbahn ab, prallt gegen einen
Baum und stirbt.
- 22.Januar 97: Ein 30jähriger wird getötet , als
er bei regennasser Fahrbahn zwischen 2 Birken rast.
Raserei und verkehrswidriges Fahren- Alltagserfahrungen der
Lüneburger Polizei.
Einblende Polizeivideo:
"PKW überholt jetzt 2 PKW über die Sperrflächen
im Überholverbot."
Polizei zur Raserei
"Also man kann sagen, alle Fahrzeugklassen rasen, ob
das ein kleiner Golf ist oder ein großer BMW, also man
kann nicht sagen, es fahren nur Porschefahrer oder Mercedes zu
schnell, es sind auch Peugeot- Fahrer oder Renault, kleine Autos
und alle Klassen und Schichten.
Wir haben zwar den mündigen Bürger, aber komischerweise
nicht beim Autofahren. Da setzt bei einigen doch was aus."
Polizeivideo
Warum rasen Menschen im Straßenverkehr? Eine TÜV-
Studie sammelte Antworten:
"Geschwindigkeit ist wie LSD"
"Es ist wie ein Rausch...schließlich meine ich,
daß ich der Schnellste und Größte bin"
"Am liebsten hätte ich ... eine Kanone auf dem
Dach, um Lkws und Stauverursacher abzuschießen."
Der Psychoanalytiker Micha Hilgers beschäftigt sich seit
Jahren mit dem Phänomen des Rasens.
Micha Hilgers
Psychoanalytiker
"Die Raserei hat viele Gründe, einmal geht es um
Imponiergehabe, es geht um Rivalität, es geht darum, sich
selber darzustellen, es geht um Angst- Lusterfahrungen, insbesondere
für sehr junge Fahranfänger , aber dann auch für
ältere Herrschaften- es geht darum, sich messen zu können
und es geht darum, daß so etwas wie soziale Kompensation
stattfinden kann, dann nämlich , wenn man sich sonst im
Leben so unterlegen fühlt. ..."
Auf der B216 versucht die Polizei, seit Anfang des Jahres
durch verstärkte Kontrollen der Situation Herr zu werden.
Die zivilen Beamten sind mit ihrem Spezialfahrzeug täglich
im Einsatz, denn nur so können sie notorischen Rasern das
Handwerk legen. Hier wird ein Wagen gestoppt, der die zulässige
Geschwindigkeit um das Doppelte überschritt, statt erlaubten
70 - 140 km/h fuhr.
Polizei
"Führerschein, Personal Ausweis bitte. Können
Sie sich denken , warum wir Sie angehalten haben.- Ja, ich war
zu schnell.- Ja, für diese Geschwindigkeit brauchen Sie
bald einen Flugschein."
Polizei
"Also, wie gesagt, Sie können sich schon mal drauf
einstellen, daß da ein Fahrverbot auf Sie zukommt.- Ja,
das ist rechtens."
Die Polizisten wünschten sich oft rigorosere Strafen,
um das Fahrverhalten auf unseren Straßen grundsätzlich
zu ändern.
Polizei
"Bei extremen Geschwindigkeiten müßte die
Strafe härter sein. Also, das kann mir keiner erzählen,
daß das fahrlässig ist. Das ist ein vorsätzliches
Gefährden anderer Verkehrsteilnehmer, das ist ein Spielen
mit seinem Leben, was schon schlimm genug ist, aber auch mit
dem Leben anderer Unschuldiger, die durch die Gegend fahren."
Der Raser, der den 16jährigen Sascha in Dresden überfuhr,
kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Er verließ das
Gericht als freier Mann.
Vater
"Man hat ganz einfach den Eindruck, als wenn dieses Urteil
unter dem Motto gefällt wurde, ein Menschenleben ist zu
beklagen- na und?"
Bei fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr
sieht unsere Rechtsprechung eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe
bis zu 5 Jahren vor.
Doch 1996 mußten in Deutschland nur 8 % solcherart Verurteilter
hinter Gitter, in Sachsen waren es im letzten Jahr gar nur 4
%.
Für manche Anklagebehörden eine unbefriedigende
Situation.
Jürgen Hossfeld
Generalstaatsanwalt Sachsen- Anhalt
"Es gibt auch in meinem Zuständigkeitsbereich durchaus
Fälle, in denen ich mit dem Urteil nicht zufrieden bin,
übrigens auch nicht mit dem Strafantrag, den der Staatsanwalt
gestellt hat. Wenn ein Menschenleben zu beklagen ist, immerhin
ist das Menschenleben unser höchstes Gut, dann halte ich
es gerade bei unverantwortlicher Raserei für vollkommen
unangemessen, hier zum Beispiel mit Geldstrafen zu ahnden."
Der Wissenschaftler Hilgers warnt vor den Folgen derartiger
Milde:
Micha Hilgers
"Indirekt, wenn auch vielleicht nicht gewollt, fördern
die Gerichte natürlich die Verantwortungslosigkeit , solange
Sie fahrlässige Tötungsdelikte im Straßenverkehr
nicht wesentlich drastischer ahnden und damit auch klar machen,
daß es sich eben nicht um ein Kavaliersdelikt handelt,
sondern tatsächlich um ein mörderisches Geschehen."
Die Eltern von Sascha Morgenstern haben sich mit dem Urteil
nicht zufrieden gegeben, sie gingen in Berufung.
Grab Eltern
(Off-Ton)
"Wir wollen nicht Rache, wir wollen ganz einfach Gerechtigkeit,
wir wollen eine der Tat angemessene Bestrafung. Das sind wir
unserem Sascha einfach schuldig"