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Sendung vom
25. Mai 1998

Bericht:
Chr. Schönfeld/ Chr. Gaj
 
 

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L I N K S :
ADAC zum Autorecht

Unfallstatistik und Hintergründe
 
 

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Blumen an der Unglückstelle
Blumen für Sascha
 
 
 
 
 
 

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Raserei - ein Kavaliersdelikt?

Reportage · Hintergrund · Standpunkte ·

1. Der schnelle Tod

Mutter
(Off-Ton)
"Heut ist es genau ein halbes Jahr auf den Tag. Der Sascha, der war damals 16 Jahre und er hatte dann am 18. Geburtstag und da haben wir als Geburtstagsgeschenk einen Grabstein müssen kaufen. Iss schlimm, iss schlimm."

Sascha Morgenstern starb im Oktober 1997. Als er eine Straße in Dresden überqueren wollte, erfaßte ihn ein heranrasender PKW, schleuderte ihn durch die Luft.

Die Beifahrerin des Unfallverursachers gab zu Protokoll:

Schrift:

" Ich erkannte , daß Herr F.... bereits eine Geschwindigkeit von etwa 80 km/h fuhr. Ich sagte, fahr langsamer. Er reagierte... nicht, ich hatte eher den Eindruck, als ob er noch mehr Gas gibt."

Als der Wagen Sascha erfaßte, hatte er laut Gutachten eine Geschwindigkeit von mindestens 103 km/h. Sascha hatte keine Chance, er starb noch an Unfallort.

Sascha war das einzige Kind der Morgensterns.

Mutter
"Manchmal denke ich , es ist ein Alptraum, es darf gar nicht wahr sein. Er fehlt hinten und vorne. Das ganze Familienleben hat sich geändert, ich komm jeden Tag nach Hause, keiner da."

1997 starben auf Deutschlands Straßen über 8000 Menschen.

Hauptursache : überhöhte Geschwindigkeit

Die B 216 von Lüneburg nach Dannenberg ist eine der gefährlichsten Straßen Deutschlands , Fazit der letzten 5 Jahre 580 Verletzte., 24 Tote.

Bilder aus der Polizeichronik:

  • 07. Mai 94: eine junge Frau prallt mit ihrem Wagen auf ein entgegenkommendes Auto , sie stirbt, der andere Fahrer wird schwer verletzt.
  • 01.Juli 95: Bei einem riskanten Überholmanöver kommt ein 29jähriger von der Fahrbahn ab, prallt gegen einen Baum und stirbt. 
  • 22.Januar 97: Ein 30jähriger wird getötet , als er bei regennasser Fahrbahn zwischen 2 Birken rast.

Raserei und verkehrswidriges Fahren- Alltagserfahrungen der Lüneburger Polizei.

Einblende Polizeivideo:

"PKW überholt jetzt 2 PKW über die Sperrflächen im Überholverbot."

Polizei zur Raserei
"Also man kann sagen, alle Fahrzeugklassen rasen, ob das ein kleiner Golf ist oder ein großer BMW, also man kann nicht sagen, es fahren nur Porschefahrer oder Mercedes zu schnell, es sind auch Peugeot- Fahrer oder Renault, kleine Autos und alle Klassen und Schichten.
Wir haben zwar den mündigen Bürger, aber komischerweise nicht beim Autofahren. Da setzt bei einigen doch was aus."

Polizeivideo

Warum rasen Menschen im Straßenverkehr? Eine TÜV- Studie sammelte Antworten:
"Geschwindigkeit ist wie LSD"

"Es ist wie ein Rausch...schließlich meine ich, daß ich der Schnellste und Größte bin"

"Am liebsten hätte ich ... eine Kanone auf dem Dach, um Lkws und Stauverursacher abzuschießen." 

Der Psychoanalytiker Micha Hilgers beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen des Rasens.

Micha Hilgers
Psychoanalytiker
"Die Raserei hat viele Gründe, einmal geht es um Imponiergehabe, es geht um Rivalität, es geht darum, sich selber darzustellen, es geht um Angst- Lusterfahrungen, insbesondere für sehr junge Fahranfänger , aber dann auch für ältere Herrschaften- es geht darum, sich messen zu können und es geht darum, daß so etwas wie soziale Kompensation stattfinden kann, dann nämlich , wenn man sich sonst im Leben so unterlegen fühlt. ..."

Auf der B216 versucht die Polizei, seit Anfang des Jahres durch verstärkte Kontrollen der Situation Herr zu werden. Die zivilen Beamten sind mit ihrem Spezialfahrzeug täglich im Einsatz, denn nur so können sie notorischen Rasern das Handwerk legen. Hier wird ein Wagen gestoppt, der die zulässige Geschwindigkeit um das Doppelte überschritt, statt erlaubten 70 - 140 km/h fuhr. 

Polizei
"Führerschein, Personal Ausweis bitte. Können Sie sich denken , warum wir Sie angehalten haben.- Ja, ich war zu schnell.- Ja, für diese Geschwindigkeit brauchen Sie bald einen Flugschein."

Polizei
"Also, wie gesagt, Sie können sich schon mal drauf einstellen, daß da ein Fahrverbot auf Sie zukommt.- Ja, das ist rechtens."

Die Polizisten wünschten sich oft rigorosere Strafen, um das Fahrverhalten auf unseren Straßen grundsätzlich zu ändern.

Polizei
"Bei extremen Geschwindigkeiten müßte die Strafe härter sein. Also, das kann mir keiner erzählen, daß das fahrlässig ist. Das ist ein vorsätzliches Gefährden anderer Verkehrsteilnehmer, das ist ein Spielen mit seinem Leben, was schon schlimm genug ist, aber auch mit dem Leben anderer Unschuldiger, die durch die Gegend fahren."

Der Raser, der den 16jährigen Sascha in Dresden überfuhr, kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Er verließ das Gericht als freier Mann.

Vater
"Man hat ganz einfach den Eindruck, als wenn dieses Urteil unter dem Motto gefällt wurde, ein Menschenleben ist zu beklagen- na und?"

Bei fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr sieht unsere Rechtsprechung eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren vor.

Doch 1996 mußten in Deutschland nur 8 % solcherart Verurteilter hinter Gitter, in Sachsen waren es im letzten Jahr gar nur 4 %.

Für manche Anklagebehörden eine unbefriedigende Situation.

Jürgen Hossfeld
Generalstaatsanwalt Sachsen- Anhalt
"Es gibt auch in meinem Zuständigkeitsbereich durchaus Fälle, in denen ich mit dem Urteil nicht zufrieden bin, übrigens auch nicht mit dem Strafantrag, den der Staatsanwalt gestellt hat. Wenn ein Menschenleben zu beklagen ist, immerhin ist das Menschenleben unser höchstes Gut, dann halte ich es gerade bei unverantwortlicher Raserei für vollkommen unangemessen, hier zum Beispiel mit Geldstrafen zu ahnden."

Der Wissenschaftler Hilgers warnt vor den Folgen derartiger Milde:

Micha Hilgers
"Indirekt, wenn auch vielleicht nicht gewollt, fördern die Gerichte natürlich die Verantwortungslosigkeit , solange Sie fahrlässige Tötungsdelikte im Straßenverkehr nicht wesentlich drastischer ahnden und damit auch klar machen, daß es sich eben nicht um ein Kavaliersdelikt handelt, sondern tatsächlich um ein mörderisches Geschehen."

Die Eltern von Sascha Morgenstern haben sich mit dem Urteil nicht zufrieden gegeben, sie gingen in Berufung.

Grab Eltern
(Off-Ton)
"Wir wollen nicht Rache, wir wollen ganz einfach Gerechtigkeit, wir wollen eine der Tat angemessene Bestrafung. Das sind wir unserem Sascha einfach schuldig"

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25. Mai 1998

Bericht:
Chr. Schönfeld/ Chr. Gaj

Reportage· Hintergrund · Standpunkte·

2. Todesfalle Straße: Zahlen, Daten, Fakten

1997 ereigneten sich auf Deutschlands Straßen 2,2 Millionen Verkehrsunfälle, 503.000 Menschen wurden verletzt, 8500 starben.

Wichtigste Ursache: unangepaßte Geschwindigkeit: über 91.000 mal kam es deswegen zum Crash

Wegen fahrlässiger Tötung wurden 1996 über 1200 Menschen verurteilt . Doch die Richter waren milde: 

Nur 8,2 % der Angeklagten wurden zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. 24,7 % erhielten eine Bewährungsstrafe, die große Mehrheit- 67,1% gar nur eine Geldstrafe.

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25. Mai 1998

Bericht:
Chr. Schönfeld/ Chr. Gaj
 
 

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RealoVideo O-Ton:
Prof. Kurt Rebmann
 
 

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3. Standpunkte von 

Prof. Kurt Rebmann
ehemaliger Generalbundesanwalt , langjähriger Vorsitzender des Deutschen Verkehrsgerichtstages.

    Er beklagt: die Bagatellisierung von Raserei

    Milde Strafen im Bereich des Straßenverkehrsrechts können die Kraftfahrer leicht zu der Überzeugung kommen lassen, daß Pflichtwidrigkeiten im Straßenverkehr , auch mit tödlichem Ausgang, riskiert werden können, weil der Staat sie nicht streng genug ahndet.

    Er fordert: härtere Strafen für Raser

    Die Gerichte sollten aus meiner Sicht bei fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr , wenn nach der Schuld des Täters immer vertretbar und angezeigt, mehr Freiheitsstrafen und zwar auch ohne Bewährung aussprechen.: Im Interesse der Verbesserung der Verkehrssicherheit auf unseren Straßen, im Hinblick auf die Gerechtigkeitserwartung der Bevölkerung, und auch das Sühnebedürfnis der Betroffenen und nicht zuletzt auch im Interesse der Akzeptanz und der Überzeugungskraft der Urteile unserer Justiz.

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